Der CHRO-Leitfaden für HR & Payroll in Buy-Side Carve-outs
Wenn ein Unternehmen eine ausgegliederte Geschäftseinheit übernimmt, stehen die Herausforderungen im Personalbereich oft nicht im Einklang mit der wirtschaftlichen Logik der Transaktion. Worauf CHROs jetzt achten müssen.
Georg Schiebl

Buy-Side Carve-outs machen rund 28 % aller M&A-Transaktionen über 100 Millionen US-Dollar aus und sind damit ein fester Bestandteil der Deal-Landschaft. Trotz ihrer wirtschaftlichen Attraktivität sind sie für die betroffenen Mitarbeitenden häufig mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Anders als bei einer klassischen Übernahme, bei der ein gesamtes Unternehmen den Eigentümer wechselt, bleibt beim Carve-out das veräußernde Unternehmen bestehen. Eine ausgewählte Gruppe von Mitarbeitenden wird organisatorisch herausgelöst und in eine neue Struktur überführt. Die strategische Logik ist nachvollziehbar – die Auswirkungen auf die Mitarbeitenden sind jedoch deutlich komplexer.
Auf Seiten des Käufers liegt es beim CHRO, diese Lücke zu schließen. Die Aufgabe besteht nicht nur darin, den personellen Übergang operativ zu steuern, sondern auch das Vertrauen der Mitarbeitenden in die neue Organisation aufzubauen. Im besten Fall wechseln die betroffenen Teams nicht nur in eine neue rechtliche Einheit, sondern in ein Arbeitsumfeld, das klar strukturiert ist und in dem Employee Experience bewusst gestaltet wird.
Warum Carve-outs eine besondere Herausforderung im HR darstellen
Nahezu jede Form von Restrukturierung führt zu Unsicherheit bei Mitarbeitenden. Carve-outs erzeugen jedoch eine spezifische Dynamik: das Gefühl, von einer Organisation getrennt zu werden, die selbst bestehen bleibt. Während bei einer vollständigen Übernahme alle Mitarbeitenden gemeinsam wechseln, bleibt beim Carve-out das Mutterunternehmen bestehen, während einzelne Geschäftsbereiche herausgelöst werden. Für die betroffenen Mitarbeitenden wirkt dies oft weniger wie ein Neuanfang, sondern eher wie ein unfreiwilliger Übergang.
Diese Ausgangssituation ist entscheidend für die spätere Integration. HR-Teams können nicht davon ausgehen, dass Mitarbeitende neutral oder optimistisch in die neue Organisation starten. Viele erleben einen Identitätsverlust – insbesondere dann, wenn die ausgegliederte Einheit stark mit Marke oder Zweck des ursprünglichen Unternehmens verbunden war.
Hinzu kommen sehr konkrete Fragen: Ändern sich Arbeitsverträge? Was passiert mit Vergütung und Benefits? Funktioniert die Payroll vom ersten Tag an? In DACH kommen weitere Aspekte hinzu, etwa Mitbestimmungsrechte, arbeitsrechtliche Vorgaben oder Anforderungen an die Datenübertragung. Diese Fragen sind zentral, weil sie für Mitarbeitende ein unmittelbarer Indikator dafür sind, ob die neue Organisation arbeitsfähig und verlässlich ist.
Die Rolle des CHRO beginnt lange vor dem Closing und geht weit über klassische HR-Prozesse hinaus. Im Kern geht es um den Aufbau von Vertrauen – schnell genug und belastbar genug, damit Mitarbeitende bleiben, sich einbringen und nicht frühzeitig abspringen.
HR-Infrastruktur frühzeitig richtig aufsetzen
Eine der konstantesten Erkenntnisse aus Buy-Side Carve-outs ist, dass operative Einsatzbereitschaft und Employee Experience keine getrennten Themen sind. Wenn die Payroll am ersten Tag nicht funktioniert, Mitarbeitende keinen Zugriff auf ihre Systeme haben oder die Administration von Vergütung und Benefits nicht korrekt übertragen wurde, lautet die Wahrnehmung nicht „es gab technische Probleme“. Die Wahrnehmung ist: „Diese Organisation war nicht bereit für uns.“
Deshalb muss die HR-Infrastruktur frühzeitig im Carve-out-Prozess adressiert werden – nicht als abschließende Integrationsaufgabe, sondern als zentrale Grundlage. Zu den entscheidenden Themen vor dem Closing gehören funktionierende Payroll-Lösungen und deren Kontinuität, die Übertragung von Vergütungs- und Benefit-Strukturen, die Prüfung von Arbeitsverträgen unter Berücksichtigung lokaler arbeitsrechtlicher Anforderungen, die Migration von Mitarbeiterdaten sowie klar definierte Genehmigungs- und Reporting-Strukturen in der neuen Organisation.
Vor dem ersten Tag muss HR sichergestellt haben:
Payroll-Lösungen und Kontinuität in allen relevanten Ländern
Übertragung von Vergütungs- und Benefit-Strukturen
Prüfung der Arbeitsverträge auf lokale Compliance-Anforderungen (z. B. Arbeitsrecht, Mitbestimmung)
Migration der Mitarbeiterdaten in die Systeme der neuen Einheit unter Berücksichtigung von Datenschutzanforderungen (DSGVO)
Definition und Kommunikation von Reporting-Linien und Entscheidungsstrukturen
Die operative Einsatzbereitschaft ist das erste Signal, das Mitarbeitende über ihren Platz in der neuen Organisation erhalten.
In länderübergreifenden Carve-outs steigt die Komplexität erheblich. Jedes Land bringt eigene regulatorische Anforderungen, Kündigungsfristen, Mitbestimmungsrechte und Payroll-Strukturen mit sich. Eine dedizierte HR-Integrationsverantwortliche oder ein entsprechender Lead, der die Koordination über Funktionen und Länder hinweg übernimmt, ist in diesem Kontext kein „Nice-to-have“, sondern entscheidend, um Fragmentierung zu vermeiden. Diese zentrale Rolle schafft klare Zuständigkeiten für Mitarbeitende, Führungskräfte und andere Stakeholder und gibt dem CHRO Transparenz über den gesamten Übergang.
Auch die Sicherstellung der Business Continuity während der Übergangsphase hängt maßgeblich von klaren Organisationsstrukturen ab. Selbst eine vorläufige, früh definierte und kommunizierte Reporting-Struktur erfüllt eine wichtige Funktion: Sie zeigt Mitarbeitenden, wo sie organisatorisch verankert sind, wer für ihre Entwicklung verantwortlich ist und wie Entscheidungen getroffen werden. Diese Klarheit wird oft unterschätzt, ist aber in Phasen hoher Veränderung eines der wirksamsten Mittel, um Unsicherheit zu reduzieren und Leistungsfähigkeit zu stabilisieren.
Kommunikation als HR-Kernaufgabe
In Carve-out-Projekten wird Kommunikation häufig als begleitende Maßnahme betrachtet und nicht als integraler Bestandteil der HR-Arbeit. In der Praxis ist jedoch die Art und Weise, wie der Übergang kommuniziert wird, oft genauso entscheidend wie der Übergang selbst. Mitarbeitende bilden sich ein Bild von der neuen Organisation, bevor sie diese tatsächlich erlebt haben. Was sie hören – und wann sie es hören – prägt dieses Bild maßgeblich.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dabei nicht zu unterschätzen. Wettbewerbs- und kartellrechtliche Vorgaben schränken häufig ein, was ein Käufer vor dem Closing gegenüber den Mitarbeitenden der ausgegliederten Einheit kommunizieren darf. Innerhalb dieser Grenzen besteht dennoch Spielraum, Erwartungen aktiv zu gestalten. Eine Willkommensbotschaft des künftigen Managements, eine klare Übersicht darüber, was Mitarbeitende in den ersten Wochen nach dem Closing erwartet, sowie Transparenz darüber, was sich ändert und was unverändert bleibt – all das erfordert kein umfassendes Kommunikationsprogramm, hat aber einen spürbaren Einfluss auf die Wahrnehmung beim Eintritt in die neue Organisation.
Organisationen, die diesen Prozess erfolgreich steuern, denken Kommunikation in zwei Ebenen. Die erste ist informativ: Welche Informationen benötigen Mitarbeitende, um sich sicher und vorbereitet zu fühlen? Dazu zählen Payroll, Benefits, Systemzugänge, Reporting-Linien und operative Details des Übergangs.
Die zweite ist relational: Was müssen Mitarbeitende wahrnehmen, um sich mit der neuen Organisation identifizieren zu können? Dazu gehören Purpose, Werte, Anerkennung sowie das Gefühl, als Mitarbeitende und nicht lediglich als übertragene Ressourcen betrachtet zu werden.
HR spielt in beiden Ebenen eine zentrale Rolle. Der CHRO und sein Team sind in einer einzigartigen Position, insbesondere die relationale Dimension der Kommunikation zu gestalten – eine Rolle, die andere Funktionen im Transaktionsprozess so nicht übernehmen können. Während Finance und Legal darauf fokussiert sind, die Transaktion korrekt umzusetzen, stellt HR sicher, dass auch die Integration der Mitarbeitenden gelingt.
Die richtigen Talente halten
Jeder Buy-Side Carve-out birgt ein inhärentes Risiko erhöhter Fluktuation – und dieses Risiko ist ungleich verteilt. Besonders gefährdet sind häufig genau die Mitarbeitenden, die für den Erfolg der Transaktion entscheidend sind: leistungsstarke, erfahrene Fachkräfte mit attraktiven Alternativen am Arbeitsmarkt und einem klaren Bewusstsein für ihren eigenen Wert. Wird der Übergang nicht überzeugend gestaltet, treffen diese Personen ihre Wechselentscheidung frühzeitig – oft mit Folgewirkungen auf weitere Teams.
Retention-Maßnahmen müssen daher vor dem Closing beginnen, nicht erst danach. Dazu gehört, Schlüsselpersonen so früh wie möglich zu identifizieren, ihre Erwartungen zu verstehen und gezielte Maßnahmen zur Bindung in den Integrationsplan zu integrieren, anstatt erst auf erste Kündigungen zu reagieren. Vergütung und finanzielle Anreize spielen hierbei eine Rolle, sind jedoch selten ausreichend. Entscheidend ist für viele Leistungsträger die Frage, ob ihre Arbeit in der neuen Organisation relevant sein wird, ob sie Gestaltungsspielraum haben und ob eine überzeugende Wachstumsstrategie erkennbar ist.
Die Aufgabe des CHRO besteht darin, sicherzustellen, dass auf diese Fragen klare und belastbare Antworten existieren – und dass diese frühzeitig die richtigen Mitarbeitenden erreichen. In einem Carve-out ist Talentbindung kein nachgelagertes Integrationsthema, sondern ein zentraler Hebel zur Sicherung des Transaktionswerts ab dem Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung.
Kultur aufbauen und einen reibungslosen Übergang in die neue Organisation sicherstellen
Ein oft unterschätzter Aspekt von Buy-Side Carve-outs ist die kulturelle Chance, die sie bieten. Mitarbeitende der ausgegliederten Einheit kommen in der Regel ohne die gewachsenen Strukturen und Annahmen, die Kulturveränderungen in etablierten Organisationen häufig verlangsamen.
CHROs, die diesen Moment bewusst gestalten, anstatt Kultur sich selbst zu überlassen, können eine tragfähige Grundlage schaffen. Dazu gehört, klar zu definieren, wofür die neue Organisation steht, wie sie arbeiten will und wie Leistung sowie Entwicklung gesteuert werden. Ebenso wichtig ist Transparenz darüber, was sich verändert und was unverändert bleibt. Mitarbeitende, die hier früh Klarheit erhalten, zeigen deutlich geringere Unsicherheit und höhere Stabilität im Übergang.
Das Mitarbeiterengagement in den ersten Monaten nach dem Closing ist ein direkter Indikator dafür, wie belastbar diese kulturelle Grundlage ist. Ein hohes Engagement entsteht nicht zufällig, sondern ist das Ergebnis gezielter HR-Gestaltung. Ein strukturierter Onboarding-Prozess, konsistentes Führungsverhalten und klare Signale seitens der Organisation prägen die Werte und Arbeitsweise von Beginn an.

Die zentrale Rolle des CHRO im Carve-out-Prozess
Im Kontext eines Buy-Side Carve-outs nimmt der CHRO eine Schlüsselrolle ein. Er verantwortet sowohl die operative Umsetzung des Übergangs als auch die Wahrnehmung und das Vertrauen der Mitarbeitenden. Dabei gilt es, Business Continuity sicherzustellen und gleichzeitig eine neue Organisation aufzubauen. Zusätzlich bewegt sich diese Rolle in einem Spannungsfeld aus regulatorischen Anforderungen und dem Bedarf an klarer, zeitnaher Kommunikation.
Erfolgreiche Umsetzung erfordert strukturierte Vorbereitung, enge Abstimmung mit den relevanten Funktionen im Transaktionsprozess sowie einen konsequenten Fokus auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden. Wenn dies gelingt, geht der Effekt über einen reibungslosen Übergang hinaus: Die Mitarbeitenden identifizieren sich mit der neuen Organisation, Fluktuation bleibt stabil, und der strategische Wert der Transaktion wird realisiert.
Wie Zalaris HR-Teams bei Carve-outs unterstützt
Zalaris verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Begleitung komplexer HR-Transformationen. Dazu zählen insbesondere Payroll-Lösungen, Administration von Vergütung und Benefits, arbeitsvertragliche Themen sowie der Aufbau skalierbarer HR-Infrastrukturen – zentrale Voraussetzungen für einen stabilen Übergang.
Wenn Ihr Unternehmen einen Carve-out oder eine Restrukturierung plant, sprechen Sie mit unseren Expertinnen und Experten.
FAQ

Georg Schiebl
Author
Georg Schiebl bringt mehr als 13 Jahre Erfahrung im SAP Consulting als auch im SAP Sales, insbesondere für HXM und Talent Management Lösungen, mit. Als Leitung für Vertrieb und Marketing bei Zalaris berät er Unternehmen im Bereich Digitalisierung und Transformation von HR-Prozessen und ist zudem für unsere Großkunden verantwortlich.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Carve-outs eine besondere Herausforderung im HR darstellen
- HR-Infrastruktur frühzeitig richtig aufsetzen
- Kommunikation als HR-Kernaufgabe
- Die richtigen Talente halten
- Kultur aufbauen und einen reibungslosen Übergang in die neue Organisation sicherstelle
- Die zentrale Rolle des CHRO im Carve-out-Prozess
- Wie Zalaris HR-Teams bei Carve-outs unterstützt

